Same Skies
Murtaza (Refugee Learning Nest)

“Alle Organisationen haben irgendein Leitbild, 

aber nicht alle machen auch wirklich, was sie sagen.

Same Skies ist eine NGO, die wirklick tut, was sie sagt”.

Schicksale von Geflüchteten

Warum verliess Payeez seine Heimat?

Ich bin ein 25-jähriger Flüchtling aus Quetta, Pakistan. Ich habe meine Zwischenprüfungen in Engineering beim Tameer-i-Nau öffentlichen College Quetta im Jahr 2009 abgeschlossen. Später bekam ich die Zulassung in Bachelor of Science (BSc), aber leider konnte ich wegen der gezielten Morde und der unsicheren Situation in meiner Stadt nicht teilnehmen. Ich blieb mehrheitlich in meinem Quartier und begann, Englisch und naturwissenschaftliche Fächern in den Schulen zu unterrichten. Ich habe zwei Jahre als Leiter einer englischen Schule und für einige Zeit als Büro-Koordinator gearbeitet. Ich flüchtete aus meinem Land am 1. Juli 2013 wegen Diskriminierung, täglichen gezielten Morde und Unsicherheit in Quetta. Die Situation in Quetta verschärfte sich immer mehr und es wurde besonders verheerend für meine ethnische Gruppe (Hazara), die durch ihre Gesichtszüge in ganz Pakistan erkannt wird. Der Hauptgrund ist das Missverständnis und die Irreführung der islamischen Extremisten gegen Hazaras. Die täglichen Morde kosteten zahlreichen unschuldigen Menschen das Leben, darunter Unternehmer, Ärzte, Gemüsehändler, Arbeiter, Kaufleute, Lehrer, Studenten, Männer und Frauen, Kinder und andere Zivilisten. Die gezielten Morde haben den Durst der Extremisten und Terroristen jedoch nicht gestillt, so dass sie sogar begannen, Hazaras in ihren eigenen Wohngebieten durch Bomben und Explosionen zu töten. Im Land der Gefahr und des Terrors überlebte ich über einen längeren Zeitraum, aber als ich in meinem Haus und meiner Umgebung nicht mehr sicher war, war ich gezwungen, mein Land zu verlassen. Ich appellierte and die humanitäre Organisation der Vereinten Nationen – den Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) in Jakarta und beantragte Asyl und Umsiedlung in ein Drittland für ein sicheres und besseres Leben.

Heute bin ich ein Flüchtling unter der Aufsicht des UNHCR Jakarta. Ich bin auch dankbar, dass die lokale indonesische Bevölkerung uns nie enttäuscht oder unsicher fühlen lässt. Aber es ist ziemlich schwierig in einem Transitland wie Indonesien, da ich nicht studieren oder arbeiten darf. Ich wünsche mir, dass ich bald in ein Drittland umgesiedelt werde, so dass ich mein Studium und mein Leben fortsetzen kann (übersetzt aus dem Englischen).

Shukria's Geschichte

Hallo, ich bin Shukria. Ich bin 14 Jahre alt. Ich habe die Schule in der 7. Klasse wegen Problemen verlassen. Danach bin ich in eine Sprachschule gegangen. Mein Vater ist 11 Jahre vorher in Afghanistan gestorben. Ich habe auch 2 Schwestern und 2 Brüder. Wegen unseren Problemen sind wir nach Quetta, Pakistan gegangen. Wir haben in einer schlimmen Situation gelebt. Wir hatten Angst vor unseren Feinden. Wegen der schlimmen Situation ist meine Schwester nach Australien gegangen. Nach zwei Jahren ist einer meiner Brüder verschwunden. Meine Mutter hat sich sehr gefürchtet. Dann hat sie meinen Bruder und meine Schwester nach Australien geschickt und ich und meine Mutter sind in Quetta geblieben. Meine Mutter ist auch alt geworden wegen unseren Problemen. Wie alle wissen, ist auch die Situation in Pakistan schlimm und es war schwierig dort zu leben. Darum haben wir entschieden, hierher zu kommen. Niemand will sein Land verlassen ohne Grund. Aber weil wir Angst hatten, darum sind wir hierher gekommen.

Nun bin ich den Indonesiern dankbar, dass sie Flüchtlinge hier leben lassen. Das einzige Problem ist, dass ich hier nicht zur Schule gehen kann. Ich möchte erfolgreich sein in meiner Zukunft. Ich hoffe, dass uns UNHCR helfen kann, nach Australien zu gehen, damit ich mit meinen Geschwistern leben und glücklich und zufrieden sein kann (übersetzt aus dem Englischen).

Ali's Flucht nach Indonesien

Ich heisse Ali und bin 21 Jahre alt. Ich bin erst seit zwei Wochen hier. Ich bin aus Afghanistan, Ghazni Provinz. Das grösste Problem in meinem Land ist mit den Taliban. In meinem Fall ist es der Grund, warum ich geflüchtet bin. Jemand, der Reza heisst, hat die ganze Reise nach Indonesien organisiert. Insgesamt waren wir zehn, aber irgendwie sind wir getrennt worden, drei  von uns sind angekommen. Wir sind mit dem Flugzeug von Kabul direkt nach Indien geflogen. Wir waren ungefähr sechs Tage in Indien und dann sind wir nach Malaysia geflogen. Wir waren ungefähr fünf Tage in Malaysia und dann sind wir per Boot nach Indonesien. Wir waren ungefähr 24 Stunden auf dem Boot. Dann sind wir nach Jakarta gekommen. Nach zwei Tagen Warten sind wir zu UNHCR gegangen für die Registrierung (übersetzt aus dem Englischen). 

Geschlechterungleichheiten in Afghanistan (von Belqis)

In meinem Land ist es sehr schwierig, dieses Problem zu lösen, weil mehr als 50% der Menschen in meinem Land ungebildet sind. Mehr als 30 Jahre herrschte Krieg in Afghanistan. Als die Taliban kamen, fingen die verschiedenen Probleme in unserem Land an. Frauen konnten nicht auf die Strasse gehen ohne ihr Gesicht zu verdecken. Sie konnten nicht nach draussen gehen. Sie konnten nichts alleine tun.

Bis jetzt herrscht die Taliban-Kultur noch über uns. Es ist sehr schwierig, eine Gesellschaftskultur zu ändern. Es gibt nur einen Weg, um diese böse Kultur zu verändern - nur durch Bildung. Wir lernen Bildung. Wir lernen gute Dinge und wenn wir diese guten Dinge an unsere neue Generation weiter geben, werden wir die Kultur der Geschlechterdifferenz Schritt für Schritt beheben (übersetzt aus dem Englischen).

Jonas bei der Arbeit mit Geflüchteten

Setzen Sie sich hin. Atmen Sie tief durch. Lassen Sie Ihre Gedanken wandern. Jetzt: Denken Sie an einen Flüchtling. Was für ein Bild erscheint vor Ihrem inneren Auge? Ist es das Bild von einem jungen Mädchen mit verschmutztem Gesicht, welches mit ihren stahlblauen Augen direkt durch einem hindurchschaut? Oder sehen Sie eine Mutter, welche ihr Neugeborenes auf dem Arm hält, während ihr Ehemann ihre gesamten Besitztümer in einem kleinen Plastiksack mitträgt? Hören Sie verzweifelte Schreie, gedämpft durch das Schluchzen von Frauen und Kindern? Falls ja, machen Sie sich folgendes bewusst: Dies repräsentiert nicht die Realität – zumindest nicht vollständig.

Malaysia, August 2017. Die wirtschaftlichen Prognosen wurden soeben angehoben aufgrund starker Inlandnachfrage und besseren Exporten. Das Land erfreut sich grosser Beliebtheit bei Touristen und befindet sich inmitten der Vorbereitungen für die «2017 Southeast Asian Games», welche bald in der Hauptstadt ausgetragen werden. Kuala Lumpur als pulsierendes Zentrum wächst konstant, ein Wolkenkratzer überragt den nächsten, ein Hotel überstrahlt das andere. Alles scheint gut in Malaysia – doch das ist es nicht.

 

Sobald Sie einen Blick hinter die schimmernde Kulisse wagen, werden Sie feststellen, dass das Land durch Armut, Ungleichheit und religiöse Intoleranz gespalten ist. Und zusätzlich leben zurzeit über 150'000 «illegale Immigranten» in Malaysia – oder wie wir sie nennen würden: Geflüchtete. Aber da Malaysia die UN Flüchtlingskonvention von 1951 nicht ratifiziert hat, werden diese Menschen, die ihr Land aufgrund von Krieg, Verfolgung oder Unterdrückung verlassen mussten, als illegal angesehen – und auch dementsprechend behandelt. Sie verfügen über keine anerkannten Ausweisdokumente. Sie dürfen nicht arbeiten. Sie erhalten keine finanzielle Unterstützung. Die Kinder dürfen nicht zur Schule gehen. Und sie werden von der lokalen Polizei schikaniert – teils sogar auch von der restlichen Bevölkerung. Die einzige staatliche Unterstützung, welche diese Menschen erhalten, wird durch UNHCR angeboten, die Flüchtilingsagentur der Vereiten Nationen, welche zurzeit ungefähr 100 Mitarbeitende angestellt und ein Budget von knapp $20 Millionen zur Verfügung hat.

 

Jeden Tag kommen Dutzende von Vertriebenen in der Hoffnung auf Sicherheit in Malaysia an – und jeden Tag realisieren Dutzende, dass sie sich selber Zugang zu Menschenrechten verschaffen müssen. Also ziehen sie in die Stadt, da es kein Flüchtlingslager gibt in Malaysia – nicht ein einziges. Sie suchen sich eine kleine Wohnung, welche sie mit der eigenen und teilweise einer fremden Familie teilen – falls sie sich den Luxus leisten konnten, ihre Familie mitzubringen. Sie suchen sich Arbeit, welche sie illegal verrichten müssen – und welche meist gefährlich, schmutzig und anstrengend ist. Sie versuchen sich in ihrer Gemeinschaft zu etablieren und zu verknüpfen – was teils zu einer noch grösseren Isolation führt. Und genau da kommt Same Skies ins Spiel.

Es mag überraschend erscheinen, wie viele von Geflüchteten geleitete Organisationen in Kuala Lumpur existieren. Deshalb hat sich Same Skies entschieden, neue Wege zu gehen und ein Netzwerk aufzubauen, welches mehrere bestehende Gemeinschaften unterstützt. Nennen wir es ein «Dachprojekt». Denn was wir während des ersten Workshops festgestellt haben, war, dass diese Organisationen sowohl komplementäre Stärken als auch vergleichbare Schwächen besitzen. Gewisse sind vorbildlich organisiert und bieten Leistungen wie Schulunterricht und Unterstützung an. Andere sind noch in der Aufbauphase. Eines haben jedoch alle gemein: Sie werden von leidenschaftlichen und liebevollen Menschen geführt. Diese sind ausnahmslos gewillt, einen Unterschied zu machen – für Andere und für sich selbst. Sie kämpfen mit ihrem scheinbar unzerbrechlichen Willen gegen alle Widerstände an, um die Lebensumstände zu verbessern. Auch wenn sie irgendwann realisieren, dass sie in Malaysia niemals das erreichen werden, was sie wirklich wollen: dauerhaftes Asyl. Same Skies war und wird offensichtlich niemals in der Lage sein, ihnen diesen Status zu verschaffen. Was wir jedoch zu initiieren versuchten, war einerseits Kooperation zwischen den Gemeinschaften, damit diese Ressourcen und Unterstützung austauschen können. Anderseits wollten wir deren Stärken und Schwächen evaluieren, um danach massgeschneidertes Training und Coaching anbieten zu können.

 

Um dies zu erreichen führten wir einen zweitägigen Workshop mit RepräsentantInnen interessierter Organisationen durch. Weil wir uns am Anfang eines neuen Projektes befanden, bestand die Arbeit mehrheitlich aus organisatorischen und administrativen Aufgaben. Wir mussten Kommunikation mit den RepräsentantInnen aufbauen, was sich als anspruchsvoller als gedacht herausstellte. Einen Veranstaltungsort zu finden, welcher zentral gelegen, erschwinglich und von ausreichender Grösse für 40 Personen war, schien beinahe unmöglich. Dank der Freundin einer Freundin der besten Freundin einer Bekannten aus Malacca (und ich übertreibe an dieser Stelle nicht) gelang es uns, eine Lokalität zu finden, welche sich im Herzen Kuala Lumpurs befand – und das sogar umsonst. Dies war ein eindrückliches Beispiel dafür, wie wertvoll das unschätzbare «Soziale Kapital» sein kann. Und dann gab es da noch die restlichen Aufgaben wie die Organisation eines Catering-Services, das Buchen der Reise nach und des Aufenthalts in Kuala Lumpur sowie die Erstellung aller notwendigen Dokumente. Und selbstverständlich die Vorbereitung des Workshops an sich: Auswahl der Übungen, Planung des Ablaufs und das Erstellen visueller Hilfsmittel. Eigentlich genau wie die Vorbereitung auf einen "normalen Workshop" – nur dass es sich hierbei nicht um einen normalen Workshop handelte.

Ich war demnach nicht sicher, was mich erwartete. Würden die Leute kommen? Wären sie interessiert an dem, was wir zu sagen hatten? Würden alle an den Übungen teilnehmen, die wir vorbereitet hatten? Wären die Leute bereit, mich als unterstützende und führende Partei zu akzeptieren, obwohl ich jung und unerfahren war? Ich wusste es nicht – und ich glaube, zu diesem Zeitpunkt konnte es niemand mit Sicherheit wissen. Aber diese Unwissenheit wich bald einem Staunen. Ich staunte, wie aufgeschlossen und herzlich die Teilnehmenden waren. Nicht nur uns von Same Skies, sondern auch einander gegenüber. Ich staunte, wie lebhaft sich alle an den Übungen beteiligten, die von Auflockerungsspielen bis zu tiefgründiger Problemanalyse reichten. Ich staunte, wie angeregt sich die Frauen an den Diskussionen beteiligten und die Führung übernahmen. Ich staunte, wie dankbar sich alle uns gegenüber zeigten. Und ich staunte darüber, wie flexibel die Uhrzeit von manchen interpretiert wurde. Die erste Gruppe erschien eine halbe Stunde zu früh – die letzte über eine Stunde zu spät. Dies ist offensichtlich eine Herausforderung, welche gelöst werden muss, falls das Projekt erfolgreich verlaufen soll. Doch dies ist eine untergeordnete Aufgabe. Wir konnten dies nicht in zwei Tagen erreichen. Was mir jedoch als wichtiger erscheint, ist der Umstand, dass diese Leute die Möglichkeit erhielten, sich gegenseitig und Same Skies kennenzulernen und Hoffnung zu schöpfen, dass dieses Projekt für sie alle vorteilhaft sein kann, nein, wird. Und dies haben wir erreicht.

Wir haben nun also den ersten Schritt dieses neuen Projektes gemacht. Aber die wichtigeren Aufgaben kommen noch: das Unterrichten und Ausbilden der Geflüchteten, sodass das Projekt nach einem Jahr in die Selbstständigkeit übergeben werden kann. Inwiefern ich (als noch immer unerfahrener Student) dabei von Wert sein könnte, müsste noch evaluiert werden. Einer der Haupteindrücke, welche ich aus dieser Erfahrung mitnehme, ist der Folgende: Die Arbeit mit den Geflüchteten hat zwei gegensätzliche Emotionen hervorgerufen – Freude und Trauer - zugleich. Zu sehen, wie diese Menschen miteinander interagierten, wie sie diskutierten und präsentierten, sich gegenseitig unterstützten, zusammen assen und lachten, sich in den Pausen das Billardspiel beibrachten – dies waren fröhliche Momente, voller Energie und Lebhaftigkeit. Zur gleichen Zeit war da jedoch immer auch Trauer. Trauer aufgrund der gesamten Situation. Diese Menschen zu sehen und zu wissen, gegen was sie ankämpfen müssen. Eine Mutter fragte mich, ob es eine Möglichkeit gäbe, dass ihre Tochter an einen internationalen Schulwettbewerb nach Bali gehen könne. Ich gab ihr die wahrscheinlich unbefriedigendste aller Antworten: «Dies ist eine juristische Problematik. Dafür müssen Sie einen Anwalt konsultieren.» Wie kann es sich dabei um eine juristische Problematik handeln? Dieses Mädchen hat eine Begabung, welche gefördert werden sollte. Es sollte sich dabei nicht um irgendwelche juristischen Dokumente oder um einen Geburtsort handeln, sondern um das Leben und die Zukunft dieses jungen Menschen. Doch das tut es nicht. Deshalb glaube ich, dass Freude und Trauer nicht gegensätzlich sind. Sondern komplementär. Wo das eine ist, wird auch das andere sein. Wie eine brennende Kerze im Dunkeln. Und ich kann nur annehmen, dass dies ähnlich sein muss für diese Geflüchteten. Sie flüchteten aus ihrem Zuhause, in welchem ihre Familie möglicherweise seit Generationen gelebt hat, nur um in ein Land zu gelangen, welches ihnen nichts als Hoffnungslosigkeit bietet. Mit der Zeit mag diese der Ernüchterung weichen. Und dann vielleicht sogar der Akzeptanz. Und aus der Akzeptanz wird sich eines Tages, wer weiss, vielleicht sogar ein Schimmer Hoffnung ergeben. Hoffnung, dass es trotzdem machbar ist. Hoffnung, dass sich die Dinge in Zukunft doch noch zum Besseren wenden könnten. Oder Hoffnung, dass man möglicherweise doch noch umgesiedelt wird. Irgendeine Art von Hoffnung. Was wir also tun können, ist zu helfen, diese Kerze der Hoffnung am Brennen zu erhalten. Und wer weiss, eines Tages verwandelt sich diese kleine Flamme vielleicht sogar in ein brodelndes und wärmendes Feuer. Eines Tages. Vielleicht.

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©2019 by Same Skies